| 07. September 2026 | |
|---|---|
| Thema: | Wirtschaftliche Inklusion |
| located: | Tanzania |
| Von: | Andreas Reiffenstein |
Ein Brunnen ist eines der überzeugendsten Bilder der Entwicklungszusammenarbeit.
Geld wird gesammelt. Eine Organisation bohrt. Wasser fließt. Menschen stehen mit Kanistern daneben. Fotos werden gemacht. Das Projekt ist abgeschlossen.
Nur: Wer repariert fünf Jahre später die Pumpe?
Diese wenig fotogene Frage entscheidet oft stärker über die Wirkung eines Entwicklungsprojekts als die feierliche Inbetriebnahme.
In Kyandege, einem Dorf in der Mara-Region im Norden Tansanias, beginnt die Geschichte deshalb nicht mit einem Brunnen.
Sie beginnt mit der Frage, wem dieser Brunnen eigentlich gehört.
Über Jahrzehnte folgten viele Projekte der Entwicklungszusammenarbeit einer einfachen Logik: Dort, wo Kapital fehlt, stellt ein externer Geldgeber das Kapital bereit.
Das ist zunächst vollkommen plausibel. Ein Dorf ohne ausreichendes Einkommen kann keine teure Wasserinfrastruktur finanzieren. Also bezahlt jemand anderes.
Doch damit entsteht ein Dilemma.
Wer nichts investiert, trägt auch kein finanzielles Risiko. Wer kein Risiko trägt, entwickelt nicht automatisch dieselbe Verantwortung für eine Investition wie jemand, dessen eigenes Geld darin steckt.
In der Finanzwelt gibt es dafür einen wenig romantischen Ausdruck: skin in the game.
Wer selbst etwas zu verlieren hat, trifft andere Entscheidungen.
Das bedeutet nicht, dass arme Gemeinden ihre Infrastruktur allein finanzieren sollen. Das wäre ebenso unrealistisch wie ungerecht. Es bedeutet aber, dass zwischen „alles geschenkt“ und „alles selbst bezahlen“ ein großer Raum liegt.
Genau diesen Raum versucht Kyandege zu nutzen.
Kyandege zählt rund 1.760 Einwohner. Wasser ist vor allem während der langen Trockenzeit knapp. Haushalte brauchen es zum Trinken und Kochen, Bauern für ihre Produktion und Viehhalter für ihre Tiere.
Wenn Wasserstellen austrocknen, müssen Hirten mit ihren Rindern weiterziehen. In dieser Region führt das auch in Richtung der Schutzgebiete des Mara-Serengeti-Ökosystems.
Wasserknappheit wird damit gleichzeitig zu einem sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Problem.
Die naheliegende klassische Antwort wäre gewesen: Geldgeber finden, Brunnen bauen, übergeben.
Kyandege wählte eine andere Konstruktion.
Ein Philantrop stellte über die gemeinnützige Organisation WellBoring rund 10.000 Euro für die Bohrung zur Verfügung.
Aber damit war die Finanzierung bewusst nicht abgeschlossen.
Die lokale Tuinuane Wafugaji Group brachte Arbeit, Material und eigene Leistungen im Wert von rund 2.500 Euro ein. Weitere 9.000 Euro finanzierte JAMII IMPACT Financial Services als Infrastrukturkredit.
Gesamtinvestition: 21.500 Euro.
Damit mobilisierte jeder gespendete Euro weitere 1,15 Euro.
Das ist im Kleinen die Logik von Blended Finance: Unterschiedliche Kapitalarten übernehmen unterschiedliche Funktionen und Risiken. Philanthropisches Geld macht eine Investition möglich, lokales Kapital und Fremdfinanzierung vergrößern ihre Wirkung.
Der Unterschied ist nicht nur finanzieller Natur.
Die Gemeinde schuldet plötzlich niemandem Dankbarkeit für ein Geschenk.
Sie besitzt eine Investition.
Das lässt sich in Kyandege ziemlich wörtlich verstehen.
Die mehr als 70 Mitglieder der Tuinuane-Gruppe diskutierten den Standort, beteiligten sich an der Planung, bauten die Viehtränken und errichteten Fundamente für Solarpaneele und Wassertanks.
Sie bauten auch den Schutzzaun um die Anlage. Der ist notwendig, weil Elefanten durch die Region ziehen und Wasserinfrastruktur erheblich beschädigen können.
Das klingt nach einem kleinen Detail.
Tatsächlich beschreibt es ziemlich genau, was Ownership bedeutet.
Ein externer Projektträger kann einen Zaun bauen lassen. Eine Gemeinschaft, die weiß, dass ihre eigene Investition hinter diesem Zaun steht, hat einen sehr konkreten Grund, darauf zu achten, dass er auch in drei Jahren noch steht.
Skin in the game bedeutet nicht nur, Geld einzuzahlen. Es bedeutet, Konsequenzen zu tragen.
Auch die Entscheidung über die Pumpe zeigt den Unterschied.
Eine dieselbetriebene Anlage wäre zunächst günstiger gewesen. Einige Mitglieder der Gruppe bevorzugten deshalb anfangs diese Variante.
Dann wurde gerechnet.
Diesel muss gekauft werden. Ein Verbrennungsmotor braucht Wartung. Treibstoffpreise verändern sich. Und jede Stunde Pumpbetrieb kostet Geld.
Solartechnik kostet mehr am ersten Tag und deutlich weniger an vielen Tagen danach.
Die Gruppe entschied sich für Solar.
Heute fördert eine Solarpumpe Wasser aus einem rund 120 Meter tiefen Bohrloch. Zwei Tanks speichern jeweils 10.000 Liter. Das Bohrloch liefert rund fünf Kubikmeter pro Stunde.
Das tansanische Wasserministerium ließ das Wasser in Musoma untersuchen. Laut Laboranalyse entspricht es dem nationalen Trinkwasserstandard; bei der Untersuchung wurden keine E. coli sowie keine fäkalen oder sonstigen coliformen Bakterien nachgewiesen.
Gegenüber einer Diesellösung spart das System nach Berechnungen des Projekts außerdem rund 5,8 Tonnen CO₂ im Jahr.
Doch die Solaranlage ist hier nicht in erster Linie ein Klimasymbol.
Sie ist eine wirtschaftliche Entscheidung.
Denn die Menschen, die über die Technik entschieden haben, müssen später auch für ihren Betrieb bezahlen.
Das ist vielleicht der unbequemste Teil der Geschichte.
Das Wasser aus dem neuen Brunnen ist nicht kostenlos.
Ein Haushalt bezahlt 50 tansanische Schilling für einen 20-Liter-Kanister. Mitglieder der Tuinuane-Gruppe zahlen 30 Schilling pro Rind und Tag, andere Viehhalter 50 Schilling.
Damit wird aus dem Wasserprojekt ein Unternehmen.
Das klingt zunächst wie ein Widerspruch. Schließlich geht es um ein menschliches Grundbedürfnis.
Aber kostenloses Wasser bedeutet nicht kostenlose Wasserversorgung.
Pumpen müssen repariert werden. Leitungen brechen. Elektronik fällt aus. Tanks altern. Irgendwann muss die Solarpumpe ersetzt werden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob der erste Liter Wasser kostenlos aus dem Hahn kommt.
Sie lautet: Fließt in zehn Jahren überhaupt noch Wasser?
Die Gebühren schaffen dafür einen Wartungs- und Ersatzmechanismus. Gleichzeitig bleiben sie niedrig genug, um den Zugang für Haushalte zu ermöglichen.
Während der Trockenzeit versorgt die Anlage nach der aktuellen Planung rund 300 Rinder pro Tag. Dann steigt die Nachfrage und damit das Einkommen des Wasserbetriebs.
Auch der Kredit berücksichtigt diese Realität. JAMII IMPACT richtet die Rückzahlungen an den saisonalen Zahlungsströmen der Viehhalter aus.
Die Finanzierung passt sich also dem Geschäftsmodell an – nicht umgekehrt.
Vielleicht ist das die wichtigste Veränderung.
Die Sprache der Entwicklungszusammenarbeit kennt seit Jahrzehnten den „beneficiary“ – den Begünstigten.
Das Wort verrät bereits viel über die Rollenverteilung: Einer gibt, einer empfängt.
Kyandege versucht diese Rollen zu verschieben.
Die Mitglieder der Tuinuane-Gruppe sind weiterhin Begünstigte. Natürlich profitieren sie vom Zugang zu Wasser.
Aber sie sind gleichzeitig Investoren, Kreditnehmer, Kunden und Betreiber.
Damit verändert sich auch die Frage, wer für das Scheitern verantwortlich wäre.
Wenn eine gespendete Pumpe kaputtgeht, kann man auf den Spender, die NGO, die Regierung oder den Hersteller warten.
Wenn die eigene Pumpe kaputtgeht und das eigene Vieh morgen Wasser braucht, ist Warten keine besonders attraktive Geschäftsstrategie.
Das ist die ökonomische Seite von Ownership.
Diese Konstruktion hat Auswirkungen weit über die Wasserstelle hinaus.
Während langer Trockenperioden treiben Viehhalter ihre Tiere auf der Suche nach Wasser über große Entfernungen. Das erhöht den Druck auf Gebiete rund um das Mara-Serengeti-Ökosystem und schafft Konflikte zwischen Viehhaltung und Naturschutz.
Lokales Wasser nimmt einen Teil dieses Drucks heraus.
Auch Kinder profitieren indirekt. Die Grundschule von Kyandege besitzt zwar eine eigene Wasserversorgung. Doch Kinder begleiten während extremer Trockenperioden teilweise die Viehherden auf der Suche nach Wasser und Weide.
Bleibt das Vieh näher am Dorf, bleiben auch mehr Kinder im Unterricht.
Ein funktionierender Brunnen wird damit gleichzeitig Infrastruktur für Landwirtschaft, Bildung und Naturschutz.
Bei „Blended Finance“ denkt man schnell an Entwicklungsbanken, Garantiefonds und Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe.
Kyandege zeigt dieselbe Grundidee im Maßstab eines Dorfes.
10.000 Euro philanthropisches Kapital.
2.500 Euro Community Investment.
9.000 Euro lokaler Kredit.
= 21.500 Euro Infrastruktur.
Der philanthropische Euro verschwindet dabei nicht.
Er verändert seine Aufgabe.
Er bezahlt nicht mehr alles, sondern übernimmt genau den Teil, den Markt und Gemeinde allein nicht tragen können. Dadurch wird weiteres Kapital mobilisiert.
Das ist ein fundamentaler Unterschied.
Die relevante Kennzahl einer Spende ist dann nicht mehr nur: Wie viele Euro wurden ausgegeben?
Sondern: Wie viele Euro Investition wurden dadurch möglich?
In Kyandege lautet die Antwort: 2,15 Euro für jeden philanthropischen Euro.
Auch dieses Modell ist kein Patentrezept.
Die Bohrung auf 120 Meter war schwierig. Das technische Team und die Bohrausrüstung kamen aus Kenia, was Grenzformalitäten und zusätzliche Logistik verursachte. Der Projektbericht empfiehlt deshalb, bei künftigen Projekten stärker zu prüfen, welche Leistungen tansanische Unternehmen übernehmen können.
Auch die Kommunikation zwischen den Beteiligten funktionierte nicht immer reibungslos.
Und vor allem muss das Geschäftsmodell seine wichtigste Prüfung erst noch bestehen: Zeit.
Erst wenn nach einigen Jahren Reparaturen notwendig werden, Kreditraten fällig sind und vielleicht Konflikte über Gebühren entstehen, zeigt sich, wie belastbar die Strukturen wirklich sind.
Skin in the game garantiert keinen Erfolg.
Aber es verändert die Ausgangslage.
Es wäre falsch, daraus ein Argument gegen Spenden oder Entwicklungszusammenarbeit zu machen.
Ohne die 10.000 Euro philanthropisches Startkapital wäre der Brunnen in Kyandege wahrscheinlich nicht entstanden.
Die interessantere Frage lautet deshalb nicht, ob Entwicklungshilfe notwendig ist.
Sondern welche Aufgabe sie übernehmen sollte.
Soll sie möglichst viele Brunnen bezahlen?
Oder sollte sie Kapital dort einsetzen, wo es Menschen ermöglicht, selbst zu investieren?
Das erste Modell produziert Infrastruktur.
Das zweite versucht, Eigentum, Verantwortung und wirtschaftliche Strukturen gleich mit aufzubauen.
Vielleicht liegt darin eine der wichtigsten Lehren von Kyandege.
Etwas Geschenktes kann schnell niemandem gehören.
In Kyandege gehört der Brunnen jemandem.
Den Menschen, die ihn benutzen, für ihn bezahlt haben – und die darauf angewiesen sind, dass morgen noch Wasser aus ihm kommt.
Indem Sie den untenstehenden Einbettungscode kopieren, erklären Sie sich mit unseren Richtlinien zur Weiterveröffentlichung einverstanden.