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„Mir ist egal, ob meine Nachbarn in Fast Fashion gekleidet sind - es geht um systemische Probleme“

24. Februar 2022
Themen:Nachhaltiger Konsum
Von:Katharina Höftmann Ciobotaru
In:Deutschland

Die Fashion Changers bezeichnen sich selbst als das Zuhause für alle, die den Status Quo der Modeindustrie verändern wollen. Mit ihrem Magazin klären sie auf, testen Textilien und Modeunternehmen auf Herz und Nieren. Daneben setzen sie sich für eine Vernetzung in der Branche ein, organisieren Konferenzen, Paneldiskussionen und Weiterbildungen. In ihrer modeaktivistischen Arbeit unterstützen sie Petitionen, mobilisieren für Demonstrationen und plädieren dafür, sich nicht nur als Konsument:innen zu verstehen, sondern vor allem als Bürger:innen. Wir haben uns mit Co-Gründerin Nina Lorenzen über Fast Fashion, die Verantwortung von Unternehmen und Politik und die einseitige Sicht auf Aktivismus unterhalten...

Fairplanet: Die Modeindustrie krankt an vielen Stellen: Umweltverschmutzung, Verletzung von Menschenrechten und Vertiefung ungesunder Ideale - was sind für euch die wichtigsten Baustellen, die es zu bearbeiten gilt?

Nina Lorenzen: Oh, das ist eine umfassende Frage. Wir haben nicht umsonst ein Buch mit über 200 Seiten dazu geschrieben. Aber zuerst einmal möchte ich sagen, dass Mode ein Vehikel mit großem Transformationspotenzial sein kann. Zudemkommunizieren wir über Mode, zeigen wer wir sind, fühlen uns zugehörig, das ist per se erst einmal nicht schlecht. Gleichzeitig glaube ich, dass gerade die Frage nach den Arbeitsbedingungen in der Industrie mit der Pandemie noch dringlicher geworden ist: Viele große Unternehmen aus dem globalen Norden haben von jetzt auf gleich im globalen Süden Aufträge storniert. Die Clean Clothes Campaign hat untersucht, wie viele Menschen dort noch auf ihre Zahlungen warten und die Ergebnisse waren erschreckend...

Fairplanet: Der Bericht zeigt, dass u.a. in Vietnam, Thailand, Jordanien, Sri Lanka tausende Menschen auf ihre Gehälter warten. In Indien sollen US-Marken wie Walmart, Abercrombie & Fitch und Nike insgesamt Zahlungen von fast 60 Millionen US-Dollar zurückhalten. Aber die Zahlungen sind natürlich nur das eine...

Nina Lorenzen: Genau. Genauso ein großes Problem sind die Arbeitsbedingungen vor Ort und die Tatsache, dass viele Unternehmen immer weiter produzieren, selbst dann, wenn die Gesundheit der Menschen bedroht ist.

Fairplanet: Der deutsche Staat antwortet mit dem Lieferkettengesetz...

Nina Lorenzen: Das ist ein Anfang. Problematisch bleibt, dass das Gesetz beim Anfang der Lieferketten eben nicht richtig greift. Hier müssen Unternehmen nicht präventiv Risiken analysieren und vermeiden, es reicht, wenn sie erst tätig werden, wenn es konkrete Hinweise auf Risiken in einer Produktion gibt. Außerdem gibt es im deutschen Lieferkettengesetz keine Vorgaben zu Löhnen. Und die Wahrheit ist, Unternehmen arbeiten oftmals nicht auf Augenhöhe mit den Produktionsstätten. Sie müssten stärker zusammenarbeiten, etwa mit Gewerkschaften oder Betriebsräten. In vielen Ländern werden Gewerkschaften nicht zugelassen und auch das Recht auf Tarifverhandlungen wird verletzt. Wenn die Löhne der Arbeiter:innen vor Ort steigen, wandern Unternehmen oft ab – die Zusammenarbeit ist also recht instabil und es braucht zum Beispiel verbindlichere Richtlinien für Einkaufspraktiken. Aber trotzdem wächst der Druck auf die Unternehmen. Die Initiative ACT ist ein Zusammenschluss aus Modemarken und Gewerkschaften und versucht existenzsicherende Löhne in Produktionsländern durch Tarifverhandlungen zu erreichen. Solche Multi-Stakeholder-Initiativen scheitern oft aufgrund der unterschiedlichen Machtdynamiken und weil die Interessen stark voneinander abweichen Das Lieferkettengesetz ist ein Schritt Richtung mehr Transparenz und es kostet Unternehmen viel Geld, hier Standards zu implementieren und diese einzuhalten – die Hoffnung ist, dass sie damit auch kontinuierliche Partnerschaften aufbauen und Arbeiter:innen weltweit fairere Arbeitsbedingungen haben. Es ist viel in Bewegung, aber auch noch viel zu tun.

Fairplanet: Und neben den fairen Arbeitsbedingungen soll die Produktion dann auch noch nachhaltig von Statten gehen. Besteht hier nicht umso mehr die Gefahr des Green Washings?

Nina Lorenzen: Natürlich. Das Problem bleibt auch, dass dieser Sichtwechsel in den Unternehmen, also zu mehr Nachhaltigkeit hin, am Ende oft mit Wachstum verbunden bleibt. H&M gerade bekannt gegeben, dass sie bis 2030 den Umsatz im Vergleich zu 2020 verdoppeln wollen. Das soll u.a. durch den Eintritt in neue Märkte und den Ausbau von E-Commerce passieren. Gleichzeitig will man die CO2-Emissionen im Vergleich zu 2019 bis 2030 halbieren, weshalb H&M in diesem Jahr knapp 10 Milliarden Euro investiert. Bei H&M bedeutet Nachhaltigkeit also nicht weniger Wachstum, im Gegenteil, es soll weiter gewachsen und Emissionen sollen einfach halbiert werden...

Fairplanet: Muss der Staat in diesen Fragen, Wachstumsbeschränkung, Green Washing, faire Arbeitsbedingungen etc., noch viel mehr eingreifen?

Nina Lorenzen: Wir glauben, dass der Staat sehr regulierend eingreifen sollte, ja. Die Klimagerechtigkeitsbewegung hat den öffentlichen Druck mehr und mehr erhöht. Selbst der ehemalige Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat erkannt, dass eine Freiwilligenbasis keine systemische Änderung bringen wird. Es braucht Gesetze, damit Unternehmen ihre Praktiken ändern. Im neuen Koalitionsvertrag spiegelt sich das auch schon wider. Unternehmen sollen viel stärker in die Verantwortung genommen werden. Auch das geplante EU-Gesetz zu Lieferketten soll viel umfassender werden, als das deutsche.

Fairplanet: In der „woken“ Community wird überall weniger Konsum gepredigt, trotzdem machen Fast Fashion Unternehmen wie SHEIN oder Primark Milliardenumsätze: Wie kann das Verhalten der Konsumenten geändert werden?

Nina Lorenzen: Ich persönlich arbeite seit zehn Jahren in der Nachhaltigkeitsbranche und es hat hier einen spürbaren Shift gegeben: Früher hieß es oft, wir können durch Kaufkraft den Markt regulieren, aber das ist nicht so. Veränderungen im System sind realistischer und einfacher. Wenn jemand sich nicht damit auseinandersetzt, ob in den eigenen Klamotten Mikroplastik ist oder nicht, finde ich das total okay. Mir ist es auch egal, ob meine Nachbarn in Fast Fashion gekleidet sind. Die Probleme sind systemisch und müssen auch so gelöst werden. Viele Menschen können sich nachhaltige Mode auch schlichtweg nicht leisten. Dazu kommt: Konsumpsycholog*innen haben herausgefunden, dass Menschen sich natürlich darum scheren, unter welchen Arbeitsbedingungen ihre Kleidung hergestellt wird. Aber wir handeln nun einmal nicht immer nach unseren Werten. Ich habe oft gehört, wie Menschen andere kritisieren, wenn sie mit Nike-Schuhen zur Klimademo gehen – dieser Anspruch ist doch absurd. Die Klimakrise ist eine globale Krise und kann auch nur so gelöst werden.

Fairplanet: Ihr arbeitet auch viel mit Unternehmen zusammen, vernetzt und klärt auf. Was sind die wichtigsten Dinge, die ihr bei eurer Arbeit in den letzten Jahren gelernt habt?

Nina Lorenzen: Zuerst einmal, was wir gerade besprochen haben, dass die Überhöhung des Individualkonsums uns keine Änderungen bringen wird. Außerdem, dass die Fair Fashion-Branche nicht ausreichend vernetzt ist, viele machen ihr eigenes Ding. Während große Modeunternehmen Profis im Lobbyismus sind, gibt es gerade mal einen Wirtschaftsverband für nachhaltige Unternehmen in Deutschland – viele kleinere Fair-Fashion-Brands sind da gar nicht vertreten. Auf dieser Ebene lässt das politische Engagement echt zu wünschen übrig.

Fairplanet: In Deutschland sind Unternehmen, die sich politisch engagieren, oft extremer Kritik ausgesetzt. Ich denke nur an den Kondom- und Hygieneartikelhersteller Einhorn, der mit Olympia eine riesiges Petitionsevent machen wollte und von der Presse und anderen Aktivisten zerfleischt wurde...

Nina Lorenzen: Ja genau, auch wir kennen das in einem viel kleineren Rahmen. Fashion Changers ist kein Verein, sondern eine GbR, also ein Profit-Unternehmen. Modeaktivismus und somit politisches Engagement ist Teil unseres Unternehmensverständnisses. Aber manchen sind wir dann zu aktivistisch und andere haben ein Problem damit, dass wir Umsatz machen. In Deutschland hat man ein sehr konservatives Verständnis davon, wie Unternehmen agieren sollen, was sie dürfen und was nicht. Aber Unternehmen sind nichts Abstraktes, sondern bestehen aus Menschen mit Ideen und Werten, die das Unternehmen und somit auch einen Teil der Gesellschaft mitgestalten. Und genau diese Menschen können Transformationsprozesse auslösen. Darauf müssen wir setzen.

Fairplanet: Vielen Dank für das Gespräch.

Artikel geschrieben von:
ecco_katharina_hoeftmann
Katharina Höftmann Ciobotaru
Autor:in
Nina Lorenzen von den Fashion Changers (Foto: Emilie Elizabeth)
© Foto: Emilie Elizabeth
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