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RUSSLAND HÄLT AN LGBTQ-KONVERSIONSTHERAPIE FEST

02. November 2021
Themen:LGBT Rechte
Von:Andrew Getto
In:Russia

Obwohl die LGBT-Konversionstherapie als psychologische Behandlung weltweit inakzeptabel geworden ist, wird sie weiterhin als gefährliche Praxis für die russische Queer-Gemeinschaft eingesetzt.

Vor etwa 30 Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation aufgehört, Homosexualität und Bisexualität als psychische Krankheiten einzustufen. Nach Angaben der Vereinten Nationen wird jedoch in über 60 Ländern immer noch versucht, die sexuelle Identität eines Menschen mit pseudowissenschaftlichen Methoden zu verändern. Russland - wo Homophobie eine inoffizielle Staatspolitik ist - ist eines dieser Länder.

Die Methoden der so genannten Konversionstherapie in Russland nehmen unterschiedliche Formen an; im muslimisch geprägten Nordkaukasus, wo homosexuelle Menschen einer staatlich geförderten Folter- und Mordkampagne ausgesetzt sind, geht sie oft Hand in Hand mit Religion. Rituale des Exorzismus sind weit verbreitet, wobei Mullahs - Mitglieder des Klerus - versuchen, Geister, die die Sünde der Homosexualität in sich tragen, aus dem Körper einer Person zu vertreiben. Luisa, eine tschetschenische Frau und Opfer dieser Behandlung, beschrieb den Vorgang als einen „großen Raum mit vielen Männern. Aus riesigen Lautsprechern wird der Koran gespielt. Die Trommelfelle reißen auseinander... Und [der Priester]... läuft herum und kann dich jederzeit mit einem Stock schlagen.“

Auch für Christen:innen ist die Bekehrung von LGBTQ+ keine Seltenheit. Überall in Russland gibt es Reha-Einrichtungen, die nicht nur Alkoholikern und Drogenabhängigen, sondern auch sexuellen Minderheiten eine Lebensveränderung anbieten. Die gängige Methode zur „Heilung“ von Homosexuellen besteht darin, ihnen jeglichen Kontakt zur Außenwelt zu verwehren und sie zu schwerer körperlicher Arbeit zu zwingen. Für diejenigen, die nicht bereit sind, sich zu ändern, gibt es spezielle „Motivatoren“ - das sind muskulöse Männer, die die Opfer in die Reha-Zentren bringen und keinen Widerstand dulden.

Man würde erwarten, dass zertifizierte Therapeuten LGBTQ+-Personen helfen, die mit ihrer Identität in einer feindseligen Gesellschaft zu kämpfen haben. Das ist mit der Verbreitung der Gestaltpsychologie und anderer humanistischer Schulen zunehmend der Fall. Doch viele zugelassene Spezialisten:innen halten lieber an den jahrzehntealten Irrtümern fest, die von der Mainstream-Wissenschaft längst verworfen wurden. Von den achtzehn Psychotherapeuten:innen und Sexologen:innen, die in einem Versuch von der russischen Zeitung Nowaja Gaseta kontaktiert wurden, lehnten es nur zwei ab, die nicht existierenden Sexualitätsstörungen zu heilen

Einige Befürworter:innen der Homosexuellen-Konversionstherapie werben offen für sich. Der bekannteste von ihnen ist Yan Goland, ein 84-jähriger Psychotherapeut aus Nischni Nowgorod, der sich rühmt, mehr als 80 Homosexuelle „geheilt“ zu haben. Für Goland und seinesgleichen ist diese Pseudobehandlung eine Einnahmequelle. Aber auch einige kostenlose staatliche Kliniken diagnostizieren immer wieder Patienten mit „homosexueller Orientierung“, wie beispielsweise eine Klinik in Simferopol, Krim, im Jahr 2020.

Das Versprechen, eine Krankheit zu heilen, die nicht in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten zu finden ist, ist ein grober Verstoß gegen das Gesetz. Ein Verstoß, der theoretisch eine Menge dieser Fälle vor die russischen Gerichte bringen könnte. In der Praxis tuen die staatlichen Behörden jedoch alles, um sich vom Schutz der Rechte von LGBTQ+ zu distanzieren. Im Jahr 2020 lehnte es das Innenministerium ab, eine Untersuchung einzuleiten, nachdem eine tschetschenische Frau, Aminat Lorsanowa, wegen ihrer Orientierung misshandelt und zwangspsychiatrisch behandelt worden war.

Die Marginalisierung von LGBTQ+-Personen ist eine staatlich gebilligte Vorgehensweise, wie das Gesetz über „schwule Propaganda“ von 2013 zeigt. Solange diese hasserfüllte, veraltete Politik in Kraft bleibt, wird die LGBTQ+-Gemeinschaft in Russland weiterhin in allen Bereichen missbraucht werden: zu Hause, in der Schule, am Arbeitsplatz und sogar in der Arztpraxis.

Artikel geschrieben von:
andrew_getto
Andrew Getto
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lgtbq_russland
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