| 25. August 2026 | |
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| Thema: | Frauenrechte |
| tags: | #Südafrika, #Kindergesundheit, #Stillen, #Hersteller von Säuglingsnahrung |
| located: | South Africa |
| Von: | Ray Mwareya |
Lethu Nxamis einjähriger Sohn wiegt gerade einmal sechs Kilogramm. Nach pädiatrischen Richtwerten wären in seinem Alter durchschnittlich etwa 10,5 Kilogramm zu erwarten.
„Er ist so klein. Ich habe Angst, dass er überhaupt nicht richtig wachsen wird“, sagt sie.
Nxami kennt rund ein Dutzend junge Mütter, denen es ähnlich geht. Sie leben wie sie in der informellen Siedlung Joe Slovo Township, einer der größten informellen Siedlungen in Nelson Mandela Bay im südafrikanischen Eastern Cape.
Eastern Cape ist die ärmste Provinz Südafrikas. Schätzungen zufolge leben dort 78 Prozent der Kinder in Armut. Eine aktuelle Studie der University of the Western Cape zeigt zugleich, dass Südafrika eine der niedrigsten Raten ausschließlichen Stillens weltweit aufweist. 2024 wurden lediglich 22 Prozent der Babys ausschließlich gestillt – weit entfernt von dem Ziel der Weltgesundheitsorganisation von 50 Prozent bis 2025.
Doch Südafrika weist eine bemerkenswerte Besonderheit auf: Obwohl es laut Weltbank das Land mit der größten sozialen Ungleichheit unter 146 untersuchten Staaten ist, "bevorzugen selbst arme Mütter industriell hergestellte Säuglingsnahrung gegenüber dem Stillen", so Sithembile Nale, ehemalige Krankenschwester am Leratong Hospital westlich von Johannesburg und engagierte Befürworterin des Stillens.
Und das, obwohl eine ausreichende Versorgung mit Säuglingsnahrung etwa doppelt so viel kosten kann wie der monatliche staatliche Kinderzuschuss von 536 Rand (rund 32 US-Dollar), den vor allem einkommensschwache Familien für Millionen von Kindern beziehen.
„In Südafrikas Slums fehlt es häufig an Strom und sauberem Leitungswasser, um Fläschchen zu erwärmen, zu reinigen und zu sterilisieren“, sagt Nale. „Eigentlich sollte man deshalb annehmen, dass arme Mütter das Stillen nicht nur für gesünder, sondern auch für kostengünstiger halten.“
Während ihrer Arbeit auf Entbindungsstationen beobachtete Nale nach eigenen Angaben mit Sorge, wie eng Hersteller und Vertreiber von Säuglingsnahrung mit Krankenhausleitungen zusammenarbeiteten. Dazu gehörten kostenlose Produktproben und das „Sponsoring“ von Babypaketen für bedürftige Mütter.
Als sie diese Praxis kritisierte, galt sie bei ihren Vorgesetzten als unbequem.
„Die Hersteller sind auf den Stationen präsent. Krankenhausmanager pflegen enge Beziehungen zu ihnen“, sagte sie FairPlanet in einem Interview im Januar.
Besonders arme Frauen aus informellen Siedlungen wie Nxami würden bereits während der Schwangerschaft und später auf den Entbindungsstationen gezielt angesprochen – offen oder über weniger sichtbare Formen des Marketings.
Nach Nales Einschätzung entsteht die Bindung an eine bestimmte Marke oft bereits in den ersten 48 Stunden nach der Geburt, unter anderem durch solche vermeintlichen „Spenden“. Gleichzeitig haben überlastete Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte in den stark beanspruchten öffentlichen Krankenhäusern kaum Zeit, Mütter ausführlich über die gesundheitliche und ernährungsphysiologische Bedeutung des Stillens zu informieren.
„In der Woche, in der wir unsere Kinder bekamen, kamen Krankenschwestern im Dora Nginza Hospital jeden Tag auf unsere Station und zeigten uns kostenlose Proben von Danone-Säuglingsnahrung“, erinnert sich Nxami. „Natürlich war das verlockend.“
„Frauen aus informellen Siedlungen, die arbeitslos sind und zu Hause kaum etwas im Schrank haben, vom Stillen wegzulocken, ist schlicht falsch“, sagt Nale.
Das Problem sei allerdings komplexer: Wenn Mütter selbst nicht ausreichend und ausgewogen ernährt seien, könne auch das Stillen schwieriger werden.
Statt sie mit Ersatzmilch zu umwerben, sollten bedürftige Mütter nach Ansicht Nales beispielsweise Zugang zu Lebensmittelbanken erhalten oder dabei unterstützt werden, eigene Gemüsegärten anzulegen. Frische und nährstoffreiche Lebensmittel könnten ihre eigene Ernährung verbessern und ihnen damit auch das Stillen erleichtern.
Die Hersteller von Säuglingsnahrung sind in Südafrika wirtschaftlich bedeutende Unternehmen und zahlen hohe Steuern. Kritiker werfen ihnen jedoch vor, ihren Einfluss weit über den Verkauf ihrer Produkte hinaus geltend zu machen.
Dr. Chantell Witten, Professorin für Ernährung an der North-West University und Mitautorin einer 2023 im Fachjournal The Lancet veröffentlichten internationalen Untersuchung zum Stillen, kritisiert insbesondere Marketingbotschaften, mit denen Säuglingsnahrung als Lösung für gesundheitliche Probleme wie Wachstumsstörungen, Koliken oder Schlafprobleme dargestellt wird – teilweise sogar verbunden mit Behauptungen über positive Auswirkungen auf die Intelligenz von Kindern.
Witten fordert deshalb eine strengere staatliche Regulierung des kommerziellen Marketings für Säuglingsnahrung und bessere Bedingungen, damit Mütter ihre Kinder optimal stillen können.
Doch die Verantwortung allein bei großen Lebensmittelkonzernen wie Nestlé oder Danone zu suchen, greift nach Ansicht von Sidumo Dlamini, dem ehemaligen Präsidenten der Democratic Nurses Union of South Africa, zu kurz.
Das eigentliche Problem sei eng mit Armut verbunden. Wenn Mütter mit sehr geringem Einkommen einen erheblichen Teil ihrer staatlichen Unterstützung für teure Säuglingsnahrung ausgeben, habe das unmittelbare wirtschaftliche und soziale Folgen.
„Die Dominanz von Säuglingsnahrung in Südafrika muss vor dem Hintergrund der Armut in einem Land gesehen werden, in dem ‚versteckter Hunger‘ weit verbreitet ist“, sagte Dlamini FairPlanet in einem Telefoninterview aus Durban.
Hinzu kommt Kritik an der Zusammensetzung anderer industriell hergestellter Babynahrung. Lebensmittelkonzerne werden beschuldigt, Babybreien in afrikanischen Ländern deutlich mehr Zucker zuzusetzen als vergleichbaren Produkten in Europa. Solche Breie werden von armen Familien teilweise verwendet, um knappe Säuglingsnahrung zu strecken.
Eine Untersuchung der Schweizer Nichtregierungsorganisation Public Eye machte 2025 erneut auf diese Praxis aufmerksam. In Südafrika enthielt Cerelac, ein von Nestlé hergestellter und weit verbreiteter Babybrei, demnach vier Gramm zugesetzten Zucker pro Portion; in einigen anderen afrikanischen Ländern waren es bis zu sechs Gramm. In Großbritannien kommt das entsprechende Produkt ohne zugesetzten Zucker aus.
Kritiker werfen großen Lebensmittelkonzernen außerdem vor, erheblichen Einfluss auf die Gesundheitspolitik auszuüben und strengere Vorschriften zum Schutz des Stillens zu bekämpfen.
Südafrika verfügt seit 2012 mit der Regulation R991 über vergleichsweise weitreichende Vorschriften. Sie untersagen Herstellern von Babynahrung unter anderem, ihre Produkte als ernährungsphysiologisch überlegen gegenüber Konkurrenzprodukten oder Muttermilch darzustellen.
Doch Gesetze allein lösen das Problem nicht.
Nale wirft der südafrikanischen Regierung vor, besonders gefährdete Mütter nicht ausreichend vor aggressivem Marketing zu schützen. Gleichzeitig schaffe der Staat nicht die Voraussetzungen dafür, dass arme Frauen Zugang zu bezahlbaren, nährstoffreichen Lebensmitteln und sauberem Wasser haben – Bedingungen, die auch das Stillen erleichtern würden.
„Es ist ein Teufelskreis“, sagt sie.
Mangelernährung der Mutter und der permanente Stress durch Ernährungsunsicherheit können die Milchbildung beeinträchtigen. Wenn das Stillen dadurch schwieriger wird, greifen Frauen wiederum eher zu industrieller Säuglingsnahrung – die sie sich häufig kaum leisten können.
Lethu Nxami schaut auf ihren Sohn, dessen Wachstum deutlich zurückgeblieben ist, und fragt sich, wie seine Zukunft aussehen wird.
„Ich wünschte, es ginge mir finanziell gut genug, um ihn ausschließlich stillen zu können“, sagt sie. „Dann wäre er heute wahrscheinlich größer.“
Inzwischen gibt sie ihrem Sohn zusätzlich einen traditionellen Getreidebrei, den ihr eine Hebamme aus der Gemeinde empfohlen hat.
Noch ist es zu früh, um zu beurteilen, ob sich sein Gewicht dadurch nachhaltig verbessert. Doch ihr Sohn isst den nahrhaften Brei mit Begeisterung. Und er kostet die Familie kaum etwas: Verwandte auf dem Land bauen das Getreide selbst an und geben einen Teil ihrer Ernte an Nxami weiter.
Für sie ist das zumindest ein Hoffnungsschimmer, dass ihr Sohn seinen Wachstumsrückstand noch aufholen kann.