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Chinas extreme Corona-Politik

14. April 2022
Themen:Menschenrechte
Von:Stella Chen
In:China

Während sich der Westen mehr oder weniger mit dem Coronavirus arrangiert hat, zurück zu seiner Routine in Wirtschaft und Sozialleben findet und sogar die Wiedereröffnung der Grenzen in Erwägung zieht, hadert China immer noch mit der Debatte über seine „dynamische Null-Covid-Politik“ und das „Leben mit Covid“. Dieser interne Kampf führt nicht nur zu Unruhen, sondern kostet auch viele Menschenleben, die in Shanghai eingeschlossen sind. Vor allem aber wirft er die Frage auf, welche Kosten die strenge und unflexible Einschließungspolitik zur Bekämpfung der COVID-19-Gefahr wirklich verursacht.

Auch wenn die Mehrheit der Coronafälle in Shanghai nach den Statistiken der örtlichen Gesundheitsbehörde Patienten sind, die keine Symptome zeigen (19.660 asymptomatische gegenüber 322 symptomatischen am 6. April zum Beispiel), werden massive Anstrengungen unternommen, um die Patienten zur Quarantäne zu zwingen und das reguläre Leben in den Vierteln, in denen die Fälle gemeldet werden, einzuschränken.

Dabei vernachlässigt die Regierung das psychische Wohlergehen all derer, die unter Quarantäne stehen, und derer, die andere medizinische Behandlungen benötigen. Nach einem Bericht von China Philanthropist (中国慈善家杂志) wurden außerdem viele Kinder, die positiv getestet wurden, ihren Eltern ohne Vorankündigung oder detaillierte Informationen über die Quarantänemaßnahmen weggenommen. Kinder unter drei Jahren werden von der notwendigen elterlichen Fürsorge isoliert, während die Eltern auf der anderen Seite nur sehr wenige Informationen darüber erhalten, wie ihre Kinder in den Quarantänezentren behandelt werden. Medizinisches Personal teilte einigen Eltern mit, dass sich jede Krankenschwester im Zentrum aufgrund des begrenzten medizinischen Personals um etwa 10 Kinder kümmern muss. Das Absurde daran ist, dass die meisten Kinder, die positiv getestet wurden, keine Symptome aufweisen und nach Ansicht ihrer Eltern in der Obhut ihrer Eltern besser aufgehoben wären.

Während dieses Problem nach der Veröffentlichung in den Medien schließlich gelöst wurde und es nun einem Elternteil erlaubt ist, mit seinem Kind in Quarantäne zu bleiben, sofern es negativ getestet wurde, bleibt ein anderes Problem bestehen, das ein ähnliches Thema mit noch weniger Einfluss und Mitspracherecht betrifft - Haustiere. Einem inzwischen zensierten WeChat-Artikel zufolge wurde ein Corgi-Hund von Mitarbeitern der Covid-Prävention zu Tode geprügelt, als er das Auto verfolgte, in dem sein Besitzer positiv getestet wurde. Das anschauliche Video, das trotz der strengen Internetzensur in China auf WeChat kursierte, zeigt drei laute Schläge mit einer Schaufel, gefolgt von einem schwachen Winseln des Hundes und seinem Atem in einer Blutlache.

Diese Vorgehensweise wurde so auch in Hongkong adaptiert. Was einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, vor allem den Tierhaltern, ist die Tatsache, dass es sich bei diesen Schlachtungen ohne Zustimmung oder Benachrichtigung der Besitzer:innen wahrlich nicht um eine sinnvolle Maßnahme handelt. Nach Angaben des Zentrums für Tiergesundheit und Tierschutz an der City University of Hong Kong (CityU) ist die Wahrscheinlichkeit, sich über Haustiere mit dem Covid-19-Virus anzustecken, verschwindend gering. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Tötung von Haustieren durch die zuständige Abteilung für Seuchenprävention in China legitim ist, gab es keinen Beweis für eine Genehmigung der obersten Ebene, den Hund in dem beschriebenen Fall zu töten: Es war ein gewaltsamer und impulsiver Akt. Dient eine solche Tötung also der Covid-Prävention oder ist sie eine verabscheuungswürdige persönliche Handlung des Personals?

Währenddessen haben die Bewohner, die unter dem Lockdown stehen, erkannt, dass Selbsthilfe die einzige Möglichkeit ist, in diesem extrem anstrengenden, und lange anhaltenden Zustand zu überleben. Die Bewohner verschiedener Gebäudekomplexe schließen sich zu Einkaufsgemeinschaften zusammen, um Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs zu kaufen, da nur eine begrenzte Anzahl von Geschäften überhaupt noch geöffnet sein darf und Einzelbestellungen nicht angenommen werden. Es gibt auch zivile Gruppen, die über die sozialen Medien Zugang zu Lebensmitteln und medizinischer Hilfe anbieten. Obwohl die Solidarität der Menschen, die diesen Lockdown durchmachen müssen, einen Silberstreif am Horizont darstellt, sehen wir auch die Tragödie der Menschen, die langfristige medizinische Hilfe benötigen, die angesichts des derzeitigen Mangels an medizinischen Ressourcen noch wichtiger und noch schwieriger zu leisten ist.

In den vergangenen zwei Wochen hatten die Krankenhäuser und Quarantänezentren in Schanghai Mühe, Patienten mit chronischen Krankheiten zu behandeln. Ein Patient mit einer Hirnblutung, der sich in einem privaten medizinischen Versorgungszentrum in Shanghai von einer Operation erholte, verstarb aufgrund mangelnder medizinischer Versorgung. Als in dem Pflegezentrum ein positiver Fall festgestellt wurde, wurden alle aufgefordert, das Zentrum zu verlassen und zu isolieren, nicht nur die Familienmitglieder, sondern auch das Pflegepersonal. Obwohl das Zentrum neues Personal für die Pflege des Patienten einstellte, wusste die Person, die mit der Behandlung beauftragt war, nicht, wie man eine Absaugung durchführt, so dass der Patient an seinem Sputum erstickte.

Während die Zahl der Coronaerkrankungen in Schanghai auf über 20.000 pro Tag ansteigt, ist es an der Zeit, dass die Regierung über die Maßnahmen nachdenkt, die sie zur Bekämpfung der Pandemie ergriffen hat. Es ist notwendig, dass die Regierung versteht, welche Kosten die „Null-Covid-Politik“ hat. Die Behörden sollten die Menschen über die Verbreitung der neuen Omicron-Variante informieren und aufklären, ohne die viel schwächere Coronavariante zu verteufeln.

In einem Artikel von Xinhua News, einem führenden staatlichen Medium, wurden die eingeschlossenen Bewohner mit den Worten aufgemuntert: „Für die 25 Millionen Einwohner Shanghais müssen wir nicht nur den Kampf gegen die Epidemie gewinnen, sondern uns auch aus der Asche des Ausbruchs erheben und ein ganz neues Shanghai aufbauen.“ Bevor wir versuchen, die Moral zu heben, sollten wir es wagen zu fragen: Was müssen die Menschen unter dieser „Asche und dem Feuer“ für die Wiedergeburt Shanghais aus dem Alptraum des Pandemieausbruchs opfern?

Artikel geschrieben von:
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Stella Chen
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