| 04. September 2026 | |
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| Thema: | Frauenrechte |
| Von: | Andreas Reiffenstein |
Ein pinkfarbenes Bajaji - so nennt man in Ostafrika das beliebte Transportmittel auf drei Rädern - ist im Verkehr von Dar es Salaam kaum zu übersehen. Noch ungewöhnlicher ist in Tansanias Transportsektor die Person am Steuer: eine Frau.
Genau das will die Pink Bajaji Initiative (PBI) verändern. Das Programm wurde von OVAH Tanzania (Our Voices Against Harassment, deutsch: „Unsere Stimmen gegen Belästigung“) ins Leben gerufen und verbindet zwei Ziele: mehr Sicherheit für Frauen im öffentlichen und kommerziellen Nahverkehr und bessere wirtschaftliche Chancen für Frauen.
Tansanias Transportbranche ist nach wie vor stark von Männern geprägt. Gleichzeitig erleben Frauen und Mädchen Belästigung und Unsicherheit in öffentlichen Verkehrsmitteln. PBI setzt an beiden Problemen an.
Frauen werden zu professionellen Bajaji-Fahrerinnen ausgebildet. Damit entsteht einerseits eine Transportmöglichkeit, bei der sich insbesondere weibliche Fahrgäste sicherer fühlen können. Andererseits eröffnet das Programm Frauen einen Weg in eine Branche, die ihnen bislang nur schwer zugänglich war.
Doch für Modesta Joseph, Gründerin und Geschäftsführerin von OVAH Tanzania, geht es um mehr als Frauen, die andere Frauen befördern.
Das langfristige Ziel ist wirtschaftliche Selbstständigkeit.
Die Pink Bajaji Initiative ist ein Ausbildungs- und Empowerment-Programm für Frauen in Tansanias Transportsektor.
Die Teilnehmerinnen lernen nicht nur das Fahren. Das Programm umfasst:
Denn ein Führerschein allein schafft noch keine Existenzgrundlage. Wer als Fahrerin dauerhaft Geld verdienen will, braucht ein Fahrzeug, Kundschaft, Finanzierung und ein funktionierendes berufliches Netzwerk.
Für Modesta ist dieser Ansatz Teil einer längeren Geschichte. Schon als Jugendliche engagierte sie sich gegen Belästigung in öffentlichen Verkehrsmitteln. Später gründete sie OVAH, um gegen geschlechtsspezifische Gewalt vorzugehen und gleichzeitig die wirtschaftliche Selbstständigkeit von Frauen zu fördern.
Die Pink Bajaji Initiative bringt beide Ziele zusammen.
Die ersten Zahlen zeigen, welches wirtschaftliche Potenzial das Modell haben könnte.
Nach aktuellen Programmdaten von OVAH wurden bislang 18 Frauen ausgebildet, neun von ihnen haben ihren Führerschein erhalten. Das durchschnittliche tägliche Einkommen der Teilnehmerinnen sei um 507 Prozent gestiegen.
Eine von ihnen ist die 24-jährige Jackline Ringo.
Vor ihrer Teilnahme an PBI hatte sie Schwierigkeiten, ein regelmäßiges Einkommen zu erzielen. Die Ausbildung zur professionellen Bajaji-Fahrerin änderte das.
„Heute habe ich ein regelmäßiges Einkommen. Damit kann ich meine Familie unterstützen, meine Schulden zurückzahlen und sogar die Krankenversicherung für meine Mutter bezahlen.“
2025 reiste Jackline nach Nairobi und vertrat Tansania auf der Women and Transport Africa Conference.
Ihr Weg von unsicheren Einkommensverhältnissen zur professionellen Fahrerin und internationalen Vertreterin zeigt vielleicht besser als die pinkfarbenen Fahrzeuge selbst, was OVAH mit dem Projekt erreichen will.
Die Zahl ist bemerkenswert, braucht aber Kontext.
Die erste Gruppe umfasst lediglich 18 Frauen. Zudem hatten einige Teilnehmerinnen zuvor sehr niedrige oder unregelmäßige Einkommen. Ein prozentual großer Anstieg bedeutet deshalb nicht automatisch ein entsprechend hohes absolutes Einkommen.
Ob Pink Bajaji langfristig wirtschaftlich erfolgreich ist, wird sich daran zeigen, ob die Fahrerinnen ihre Einkünfte stabilisieren, Ersparnisse aufbauen und dauerhaft im Transportsektor arbeiten können.
Gerade diese langfristige Entwicklung dürfte entscheidend dafür sein, ob sich das Modell auf eine größere Zahl von Frauen übertragen lässt.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind nur ein Teil der Geschichte.
Jede Frau, die mit einem kommerziellen Fahrzeug durch Dar es Salaam fährt, verändert auch das sichtbare Bild der tansanischen Transportbranche.
Die pinkfarbenen Bajajis machen diesen Wandel besonders auffällig. Mädchen sehen Frauen als professionelle Fahrerinnen und Unternehmerinnen. Männliche Fahrer begegnen ihnen als Kolleginnen. Fahrgäste erleben Frauen selbstverständlich am Steuer kommerzieller Fahrzeuge.
Damit wird aus einem Transportprojekt auch ein gesellschaftliches Experiment.
Es geht um die Frage, ob sich traditionelle Rollenbilder verändern, wenn Frauen nicht nur theoretisch Zugang zu einer Branche erhalten, sondern im Alltag sichtbar Teil dieser Branche werden.
OVAH Tanzania versucht inzwischen, über die ersten Pink Bajaji Fahrerinnen hinauszugehen.
2026 brachte die Organisation gemeinsam mit Partnern 60 Fahrerinnen zu einem Women in Mobility Bootcamp zusammen.
Im Mittelpunkt standen technische Kenntnisse, finanzielle Widerstandsfähigkeit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Gleichzeitig sollten die Frauen mit beruflichen Möglichkeiten in Tansanias wachsendem Mobilitätssektor verbunden werden.
Dabei geht der Blick bereits über klassische Bajajis hinaus.
Mit der zunehmenden Verbreitung von elektrischen Motorrädern und Dreirädern in Tansania könnten neue Arbeitsplätze und Geschäftsmodelle entstehen: beim Fahren selbst, aber auch bei Ladeinfrastruktur, Wartung und Finanzierung.
OVAH möchte erreichen, dass Frauen von Beginn an Teil dieses neuen Mobilitätssektors sind.
Die Idee dahinter ist einfach: Frauen sollen sich ihren Platz nicht erst erkämpfen müssen, wenn eine neue Branche bereits wieder von Männern dominiert wird.
Stattdessen könnten Programme wie Pink Bajaji ihnen frühzeitig Fähigkeiten, Finanzierungsmöglichkeiten und Zugang zu wirtschaftlichen Chancen verschaffen.
Pink Bajaji lässt sich leicht als sicherer Taxidienst für Frauen beschreiben. Das ist ein wichtiger Teil des Projekts, aber nicht sein eigentlich interessanter Kern.
OVAH Tanzania versucht, verschiedene Barrieren gleichzeitig abzubauen: fehlende Ausbildung, schwieriger Zugang zu Führerscheinen, mangelndes Finanz- und Geschäftswissen sowie fehlende wirtschaftliche Möglichkeiten.
Dahinter steht eine größere Frage:
Kann man Frauen systematisch den Zugang zu einer bislang männlich dominierten Branche ermöglichen und daraus langfristig tragfähige Einkommen schaffen?
18 ausgebildete Frauen werden Tansanias Transportbranche nicht über Nacht verändern.
Doch Jackline Ringos Geschichte zeigt, was möglich werden könnte, wenn das Modell funktioniert und wächst.
Das pinkfarbene Bajaji zieht die Blicke auf sich. Die eigentliche Geschichte ist die Frau am Steuer.
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