| 04. November 2026 | |
|---|---|
| Thema: | Frauenrechte |
| tags: | #Indien, #Geschlechterfragen, #Online-Belästigung, #Proteste, #digitale Rechte, #Narendra Modi, #Cockroach Janta Party, #Doxxing |
| located: | Indien |
| Von: | Fateh Guram |
Am Jantar Mantar in Neu-Delhi wurde bereits seit Wochen protestiert, als das Gesicht eines 15-jährigen Mädchens im Internet die Runde machte. Die Jugendliche war im Juli mit Freunden zum nahe gelegenen Connaught Place gegangen und dort zufällig auf eine Demonstration gegen den Skandal um durchgesickerte Prüfungsaufgaben beim indischen National Eligibility cum Entrance Test (NEET) gestoßen. Nach eigener Aussage wurde sie von der Menschenmenge mitgerissen.
Die landesweite Zulassungsprüfung für das Medizinstudium, an der mehr als 2,2 Millionen Menschen teilnehmen, war im Mai wegen des Bekanntwerdens von Prüfungsaufgaben abgesagt worden. Ein Video, in dem die Jugendliche Premierminister Narendra Modi beschimpfte, verbreitete sich rasend schnell im Internet. Wenige Tage später war eine Anzeige gegen sie erstattet worden, ihre persönlichen Daten kursierten in WhatsApp-Gruppen und sie hatte sich in einem Video unter Tränen öffentlich entschuldigt. „Ich bin erst 15 Jahre alt“, sagte sie mit gefalteten Händen. „Das war mein erster und letzter Fehler. Ich werde so etwas nie wieder tun.“
Der Fall der Jugendlichen wurde zu einem der sichtbarsten Beispiele für ein Muster, das sich durch die von jungen Menschen getragenen Proteste der sogenannten Cockroach Janta Party (CJP) zog. Diese hatten nach dem NEET-Prüfungsskandal den Rücktritt des damaligen indischen Bildungsministers Dharmendra Pradhan erzwungen.
Frauen, die sich der Bewegung anschlossen, waren Online-Angriffen ausgesetzt, die sich in Ausmaß und Art deutlich von den Anfeindungen gegen ihre männlichen Mitstreiter unterschieden.
Modi äußerte sich schließlich am 31. Juli in einem auf Instagram veröffentlichten Video zu den gegen ihn gerichteten Beschimpfungen. Er erklärte, er sei persönlich beleidigt worden, und sogar seine verstorbene Mutter sei mit übelsten Beschimpfungen überzogen worden. Dennoch verdienten die dafür verantwortlichen „ungezogenen Kinder“ seiner Ansicht nach Vergebung statt Bestrafung. Viele seiner Anhänger brachten den protestierenden Frauen, die ihn beleidigt hatten, jedoch nicht dieselbe Nachsicht entgegen. Noch Wochen später richteten sie sexualisierte Drohungen gegen die Frauen.
Social-Media-Accounts mit Hunderttausenden Followern veröffentlichten Bilder von Frauen, deren Gesichter mit KI-generierten Zielmarkierungen versehen waren. Dazu standen Aufforderungen wie: „Findet sie. Sie hat Premierminister Narendra Modi beleidigt.“
Eine weitere Recherche ergab, dass sogenannte „Pro-Sanatan“-Content-Creator – Accounts, die sich der Verteidigung des Sanatan Dharma, also traditioneller hinduistischer Glaubens- und Kulturvorstellungen, verschrieben haben und häufig mit der hindunationalistischen Politik sympathisieren – Protestvideos praktisch im Minutentakt durchsuchten, um junge Frauen zu identifizieren.
Anschließend verbreiteten sie deren Telefonnummern, die Namen ihrer Hochschulen und ihre Wohnadressen über WhatsApp-Netzwerke. In einigen Fällen erschienen selbst ernannte Sittenwächter sogar bei den Familien der Frauen, um deren Eltern „ins Gewissen zu reden“.
Mohammed Zubair, Mitbegründer der Faktencheck-Plattform Alt News, erklärte gegenüber ThePrint, dieses Vorgehen sei keineswegs neu. Ähnliche Angriffe habe es bereits im Zusammenhang mit den Protesten von Shaheen Bagh und den Bauernprotesten gegeben. Ziel sei es, Protestierende zu diskreditieren, indem ihr Charakter angegriffen werde, statt sich mit ihren tatsächlichen Aussagen auseinanderzusetzen.
Sanatan Dharma bedeutet wörtlich „ewige Religion“ und ist eine traditionelle Bezeichnung für den Hinduismus. Unter Online-Unterstützern von Modis Bharatiya Janata Party (BJP), die aus der hindunationalistischen Organisation Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) hervorgegangen ist, ist die „Verteidigung des Sanatan“ jedoch zu einem Schlagwort geworden, mit dem Regierungskritiker zu Feinden des Glaubens erklärt werden.
Besonders häufig trifft diese Form der Feindseligkeit Frauen, die öffentlich ihre Meinung vertreten.
Bereits 2018 warnten fünf UN-Expertinnen und -Experten, darunter die Sonderberichterstatterin über Gewalt gegen Frauen, vor massiven Drohungen gegen die Journalistin Rana Ayyub, eine muslimische Kritikerin der Regierung. Nachdem ein gefälschtes pornografisches Video von ihr im Internet verbreitet worden war, wurde dazu aufgerufen, sie gemeinschaftlich zu vergewaltigen und zu ermorden.
In den Jahren 2021 und 2022 stellten die Apps Sulli Deals und Bulli Bai Fotos von rund 100 muslimischen Frauen – darunter Journalistinnen, Anwältinnen und Aktivistinnen – in fingierten „Auktionen“ zur Schau. Schon der Name der ersten App bezog sich auf eine abwertende Bezeichnung für muslimische Frauen, die von Hindunationalisten verwendet wird.
Die Aktivistin Soumya, die an Demonstrationen in Chandigarh und am Jantar Mantar teilgenommen hatte, schilderte FairPlanet in einem Telefoninterview ähnliche Erfahrungen.
Ihr zufolge verschärften sich die Angriffe erheblich, als die Proteste größer wurden und der Aktivist Sonam Wangchuk während seines Hungerstreiks gegen seinen Willen ins Krankenhaus gebracht wurde. In Gruppen sogenannter Troll-Armeen kursierten zunehmend Fotos protestierender Frauen, zusammen mit deren Namen und Wohnadressen.
Auch die Adresse ihrer eigenen Familie in Korba im Bundesstaat Chhattisgarh sei öffentlich gemacht worden, ebenso die Anschrift der Familie einer Mitdemonstrantin in Gaya im Bundesstaat Bihar.
In einem Fall hätten Unbekannte die Eltern einer Vertreterin der Studierendenvertretung zu Hause aufgesucht. Soumya bezeichnete dies als „Einschüchterungstaktik“, mit der die Familie dazu gebracht werden sollte, ihre Tochter von den Protesten fernzuhalten.
Sie berichtete außerdem von automatisierten Anrufen unbekannter Nummern mit zuvor aufgezeichneten Nachrichten, die drastische Gewaltdrohungen enthielten.
Soumya widersprach der Vorstellung, Frauen würden lediglich deshalb angegriffen, weil auch sie während der Proteste vulgäre Ausdrücke benutzt hätten.
Zwar hätten sowohl Männer als auch Frauen Modi beschimpft. Doch die Art und Bedeutung der jeweiligen Äußerungen seien keineswegs vergleichbar.
Ein bekanntes Protestplakat, das sich über den Premierminister lustig machte, habe ihn durch Satire bloßstellen, aber nicht bedrohen sollen. Die Angriffe auf Frauen dagegen seien konkrete „Beschreibungen dessen, welche Gewalt uns angetan werden soll“, erklärte sie.
„Es gibt einen klaren Unterschied. Nur weil beide Seiten ein bestimmtes Wort verwenden, bedeutet das nicht, dass es im selben Sinne gebraucht wird.“
Männer, die im Internet angegriffen wurden, seien typischerweise als „antinational“ beschimpft oder mit islamfeindlichen Beleidigungen überzogen worden. Frauen dagegen seien unmittelbar mit Vergewaltigungsdrohungen konfrontiert worden, verbunden mit Vorschlägen, sie zur Strafe zu verheiraten.
Joyojeet Pal, Professor an der School of Information der University of Michigan, erklärte FairPlanet über WhatsApp, dass der Übergang von politischer Meinungsverschiedenheit zu persönlichen Diffamierungen tief verwurzelte patriarchale Normen widerspiegele.
Demnach gelte selbstbewusstes Auftreten von Frauen – sei es am Arbeitsplatz oder im öffentlichen Raum – häufig bereits als Grenzüberschreitung.
„Ihre Position wird nicht dadurch angegriffen, dass man ihr Argument widerlegt, sondern indem man ihnen das Recht abspricht, sich überhaupt zu äußern“, erklärte Pal.
Die extreme Form der Vergewaltigungsdrohungen und Angriffe auf Familien ziele weniger darauf ab, eine Debatte zu gewinnen, als vielmehr darauf, Frauen durch ständigen Druck zum Schweigen zu bringen.
„Wenn sie ständig Angst haben müssen, dass sich andere gegen sie zusammentun oder sie beschimpfen, hören sie irgendwann ganz einfach auf, sich online zu äußern.“
Die Autorin Richa Kaul Padte, die sich intensiv mit Frauen und dem Internet in Indien beschäftigt hat, kam bereits vor einem Jahrzehnt zu einer ähnlichen Einschätzung: Auslöser solcher Angriffe sei „nicht so sehr, was Frauen sagen, sondern dass sie überhaupt etwas sagen“. Ihr Zweck bestehe darin, „Frauen zum Schweigen zu bringen“.
Diese Einschüchterung funktioniert, weil die Bedrohung keineswegs abstrakt ist.
Nach Angaben des indischen National Crime Records Bureau (NCRB) wurden 2023 insgesamt 29.670 Vergewaltigungsfälle registriert.
Die Gruppenvergewaltigung und Ermordung einer Studentin in Delhi im Jahr 2012 sowie die Vergewaltigung und Ermordung einer angehenden Ärztin in Kolkata 2024 lösten jeweils landesweite Proteste aus.
Vor diesem Hintergrund hat eine Vergewaltigungsdrohung gegen eine protestierende Frau eine völlig andere Tragweite als eine Beschimpfung des Premierministers.
Für diese Form der Einschüchterung müssen Frauen nicht einmal selbst an einer Demonstration teilnehmen.
Die Psychologin Nikita Charan berichtete FairPlanet am Telefon, dass sie angegriffen worden sei, nachdem sie lediglich einen unterstützenden Kommentar unter einem viral verbreiteten Video hinterlassen hatte. Darin war eine Frau zu sehen, die sich während einer Demonstration vor ein Polizeifahrzeug gestellt hatte.
Ein Unbekannter reagierte darauf, indem er ihr offenbar völlig willkürlich unterstellte, einen OnlyFans-Account zu betreiben. Dabei machte er sich in spöttischem Ton über ihren Beruf lustig.
„Wenn ich mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmere und einfach einen freundlichen Kommentar hinterlasse ... wer ist dieser Mann, dass er sich anmaßt, mich derart zu beleidigen?“, fragte sie.
Charan hat sich deshalb nicht aus den sozialen Medien zurückgezogen. Allerdings sei sie inzwischen „wachsamer“, wenn es darum gehe, wer mit ihren Beiträgen interagiere.
Selbst wohlmeinende Freunde hätten ihr jedoch geraten, nicht mehr auf solche Kommentare zu reagieren, weil jede weitere Auseinandersetzung ein Sicherheitsrisiko darstellen könne.
Als Freunde das Profil des Mannes meldeten, der sie belästigt hatte, blieb eine erkennbare Reaktion aus. „Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt etwas bewirkt hat“, sagte sie.
Beide Frauen sehen ihre Erfahrungen als Teil eines größeren gesellschaftlichen Problems.
Amnesty International India hat bereits dokumentiert, dass Politikerinnen während Wahlkämpfen überproportional häufig mit hasserfüllten und sexistischen Kommentaren konfrontiert werden.
Forschende beschreiben technologiegestützte geschlechtsspezifische Gewalt als eine Entwicklung, die bestehende gesellschaftliche Einschränkungen der öffentlichen Teilhabe von Frauen noch verstärkt.
Indiens Information Technology (Intermediary Guidelines and Digital Media Ethics Code) Rules von 2021 verpflichten Online-Plattformen dazu, innerhalb festgelegter Fristen gegen Inhalte vorzugehen, die die Privatsphäre verletzen oder geschlechtsspezifische Belästigung darstellen.
Betroffene können außerdem über das staatliche National Cyber Crime Reporting Portal Beschwerden einreichen.
In der Praxis beschrieben jedoch beide interviewten Frauen diese Mechanismen als langsam oder wirkungslos.
Pal betonte, dass die Folgen solcher Angriffe sich mit der Zeit verstärken – und dass dies in gewisser Weise beabsichtigt sei.
Durch die Kombination aus Beschimpfungen, Likes, geteilten Beiträgen und wiederholter Verbreitung werde Frauen signalisiert, dass sie sich bei einer öffentlichen Beteiligung an bestimmte Verhaltensregeln zu halten hätten.
Sie sollten sich innerhalb der „Grenzen von Zurückhaltung und Anständigkeit bewegen, die reaktionären Vorstellungen weiblichen Verhaltens entsprechen“.
Vor diesem Hintergrund erscheint das Entschuldigungsvideo der 15-jährigen Jugendlichen, die mit gefalteten Händen „das ganze Land“ um Vergebung bat, weniger wie ein einzelner Akt der Reue. Vielmehr veranschaulicht es genau jene Unterordnung, die durch die Angriffe erzwungen werden soll.
Dass Täter zur Rechenschaft gezogen werden können, zeigt sich, wenn der Staat tatsächlich handelt: Im Fall der App Bulli Bai nahm die Polizei den mutmaßlichen Entwickler bereits wenige Tage nach der öffentlichen Empörung fest.
Eine konsequente Durchsetzung der Löschfristen nach den IT-Vorschriften, die strafrechtliche Verfolgung von Personen, die private Wohnadressen von Frauen veröffentlichen, und eine wirksame Bearbeitung von Beschwerden über das Cybercrime-Portal könnten deutlich machen, dass die politische Meinungsäußerung von Frauen geschützt und nicht bestraft wird.
Solange dies nicht geschieht, bleibt die Verantwortung für ihre eigene Sicherheit bei den Frauen selbst – wie auch Charans vorsichtiger Umgang mit den sozialen Medien zeigt.
Dieser Artikel erschien zuerst auf FairPlanet.org.
Die deutsche Fassung ist eine Übersetzung bzw. redaktionelle Adaption des englischen Originals.
Englisches Original: When women protest in India, the backlash turns personal
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